Pflanzenvielfalt: Mehr Verlierer als Gewinner | Freie Presse

Der Verlust der Biodiversität in Deutschland ist Experten schon lange bekannt. Die Studie zeigt nun detaillierter das Ausmaß des Artenrückgangs in der deutschen Flora.

Saal.

„Das ist ein bisschen wie an einer Börse“, sagt Helge Bruelheide, Geobotaniker an der Universität Halle. „Die Verluste verteilen sich auf viele kleine Verlierer, während die Gewinne von wenigen großen Unternehmen erwirtschaftet werden.“ So beschreibt Bruelheide einige Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Studie zur Biodiversität in der deutschen Flora.

Laut Brühlheide haben in den letzten fast 100 Jahren in Deutschland mehr Pflanzenarten an Bestand verloren als zugenommen. 1011 in der Studie untersuchte Arten zeigten nämlich einen negativen Populationstrend, und nur 719 zeigten einen positiven Populationstrend. Das bedeutet etwa 40 Prozent mehr Verlierer als Gewinner.

Der Studie zufolge verteilten sich die Verluste deutlich gleichmäßiger auf die jeweiligen Arten als die Gewinne. Diese konzentrierten sich auf wenige Arten, die sich schnell ausbreiteten, zusammen mit vielen, die wenig wuchsen. 1794 Arten wurden für diese Studie untersucht. Nur wenige von ihnen veränderten die Ausbreitung nicht.

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Für das Gleichgewicht des Ökosystems sorgen

Laut Bundesamt für Naturschutz sind in den letzten 150 Jahren mit Stand 2018 76 Farn- und Blütenpflanzenarten ausgestorben oder nicht mehr gefunden worden.

„Grundsätzlich lässt sich sagen, je mehr Arten verloren gehen, desto mehr gerät das Ökosystem aus dem Gleichgewicht“, sagt ein Sprecher des Deutschen Naturschutzbundes (Nabu) zu den Ergebnissen der Studie. Die Reduzierung von Pflanzenarten hat direkte Auswirkungen auf die Tierarten, die sie als Nahrungsquelle oder Lebensraum nutzen.

Aber wer sind die Verlierer und Gewinner? Zu Letzteren gehören laut Bruelheide zum Beispiel Vogelkirsche und Roteiche, die ihren Ursprung in Nordamerika haben, mittlerweile aber auch in Deutschland in Wäldern zu finden sind. Im großen Verliererlager stehen viele Wildkräuter wie Kornblume, Wiesenbewohner wie Acker-Segge und Feuchtgebietsarten wie Teufelsbiss.

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Besonders stolz ist Bruelheide auf die Fülle an Daten aus dem deutschlandweiten „Tracking“. Die Arbeit dauerte mehr als zehn Jahre. Mehrere Experten steuerten Daten aus mehr als 7.700 Forschungsgebieten bei, deren Pflanzenpopulationen zwischen 1927 und 2020 mehrfach erfasst wurden. „Jetzt können wir die Entwicklung mit den Daten verfolgen“, sagt Bruelheide.

Intensive Landnutzung als Ausgangspunkt

Die Daten zeigen auch eines: Der Verlust an Biodiversität in der Pflanzenwelt ist kein neues Phänomen. Laut der Studie trat das größte Ungleichgewicht zwischen Gewinnen und Verlusten zwischen den späten 1960er Jahren und dem Beginn des 21. Jahrhunderts auf. „Diese Phase wird durch eine starke Intensivierung der Landnutzung eingeläutet“, erklärt Bruelheide. Inzwischen sind sogar die Erfolge von Naturschutzmaßnahmen sichtbar. Der anhaltende Negativtrend hat sich etwas abgeschwächt.

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Dennoch liefert die Studie aus seiner Sicht alarmierende Ergebnisse. Für die Forscherin Bruelheide lässt sich aus dem langfristigen Verlust der meisten Arten nur schließen: „Wir müssen alle seltenen Lebensräume schützen, die es noch gibt.“ Vieles ist bereits verloren gegangen. Von manchen Pflanzen gibt es nur noch so wenige Exemplare, dass man sie im niedrigen dreistelligen Bereich zählen könnte. “Diese Entwicklung muss gestoppt werden.”

Deutschland brauche mehr Schutzgebiete, die besser bewirtschaftet werden, damit Populationen geschützte Rückzugsorte finden und seltene Arten überleben können, betont der Nabu-Sprecher. Vor allem ist es notwendig, die Menge an Pestiziden zu reduzieren. Auch die Bemühungen zur Renaturierung von Flüssen müssen fortgesetzt werden. “Auf jeden Fall besteht großer Handlungsbedarf.” (dpa)

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