Hergé-Comics: „Tim und Struppi“ trotzt der Cancel Culture

WSehen Sie den verrückten Reporter Tim, rechts im Bild auf dem Scheiterhaufen mit seinem treuen Hund Struppi, geschrieben von dem bekannten belgischen Zeichner Hergé. Seine Lage scheint ausweglos, er schwitzt, seine Wangen sind noch roter als sonst. Wird ihn der „Indianer-Boss“ auf dem nächsten Bild „skalpieren“? Nein, so viel sei verraten. Unser junger Held entkommt! Wie auch immer, aus diesem Dilemma kämpft Tim heute gegen andere Gegner.

Das Bild ist das Titelmotiv von „Tim in America“, dem dritten Band der 24-bändigen Tim und Struppi-Reihe. Das Abenteuer erschien erstmals 1931 in Schwarz-Weiß als Zeichentrickfilm in der Kinderbeilage der belgischen Zeitung „Le Vingtième Siècle“. 1932 erschien erstmals der Band Tintin en Amérique mit einer kleinen gedruckten Illustration auf dem Cover.

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Es zeigte Tim auf einem Felsen sitzend, neben ihm lag Struppi. Anlässlich der dritten Auflage 1937 wurde das kleine Titelbild durch ein Bild ersetzt, das Tim auf einem Pferd zeigt. Erst in den 1940er Jahren ermöglichten neue Drucktechniken ganzseitige Titel in Farbe.

Doch das 1942 gezeichnete Bild, das seit 1946 als Titelmotiv die Farbausgabe des Bandes ziert, täuscht. Denn die Prärie ist nur ein Nebenschauplatz. Eigentlich reist Tim in die USA, um in Chicago den Gangsterführer Al Capone aufzuspüren, der bereits in der Gruppe „Tim im Kongo“ eine Rolle spielte. Noch bevor der Leser erfährt, was Tim untersucht, gerät er in Fallen, wird überfallen, bedroht, entführt und mehrmals beinahe ermordet.

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Davon lässt sich Tim natürlich nicht abschrecken. Er jagt einen Banditen im Zug nach Westen. Und hier, irgendwo zwischen der kanadischen Provinz Alberta und dem amerikanischen Bundesstaat Montana trifft der belgische Reporter auf eine Stammesgruppe der Ureinwohner der Niitsítapi ist nur eine Episode des Abenteuers, das Tim in den Vereinigten Staaten erlebt.

Titelbild von

Titelbild von „Tim in Amerika“ aus dem Jahr 1946

Quelle: © HERGÉ/TINTINIMAGINATIO 2023

Doch diese Episode des Abenteuers, das Tim in den USA erlebt, verdichtet sich im Covermotiv zu jenem Strauß diskriminierender Klischees, für die Hergé alias Georges Rémi (1907-1983) berüchtigt ist: Es geht um „Redskincity“, wo gleich dahinter die Stadt Im Gras steht ein Schild mit der Aufschrift “True Redskin”.

Bald darauf wird das “bleiche Gesicht” vom “edlen Stamm der schwarzen Füße” gefangen genommen und vor den “Indianerhäuptling” namens “Maulwurf mit dem Adlerauge” gebracht. Sofort wird die “Axt ausgegraben” und Tim zum Tode verurteilt. Doch mit einem Trick bringt er die als stolz, aber unbeherrscht beschriebenen Indianer dazu, sich gegenseitig zu schlagen, woraufhin er fliehen kann.

Hergé: Kolonial mit klarer Linie

Wegen dieser klischeehaften Darstellungen wehen Tim und Struppi, wie Tim im Original heißt, und sein Erfinder nun den Wind der Nullkultur. Aus heutiger Sicht zu unverständlich ließ Hergé seinen Reporter im Auftrag einer Zeitung (für die er selten eine Zeile schrieb) durch die damals noch präpostkoloniale Welt reisen.

Gerade wegen der rassistischen Stereotype, die Hergé im zweiten Band „Tim en Congo“ unkritisch verbreitet, hat der Designer, der auch für seine „klare Linie“ gelobt wird, einen bleibenden Defekt. Erst mit Band fünf „Der blaue Lotus“ wendete sich das Blatt langsam und Hergé begann, genauer nachzuforschen.

Doch schon bei „Tim in America“ scheint sich Hergé nicht nur auf seine Fantasie und westliche Ressentiments zu verlassen. Vermutlich arbeitete er auch an fundierten Quellen seiner Zeit. Hergés Indianerhäuptling wirkt wie das Ebenbild eines Häuptlings der Piegan, einer Blackfeet-Stammesgruppe.

The Mountain Chief wurde 1916 mit der Ethnologin Frances Densmore fotografiert, als sie die Sprachen der amerikanischen Ureinwohner aufzeichnete. Auch auf diesem damals weit verbreiteten Foto trägt er bestickte Mokassins, mit Fransen verzierte Kleidung und die Federmütze, die ihn als erfolgreichen Krieger auszeichnet.

Berghäuptling der Piegan-Indianer

War Mountain Chief ein Vorbild für Hergé?

Quelle: Getty Images/Underwood-Archiv

Aufgrund dieser genre- und zeittypischen Vereinfachungen und Exotisierungen ist die Welt von Tim und Struppi ein perfektes Futter für die heutigen Dekolonisierungsoffensiven. Im Gegensatz zur schwarzen Bevölkerung des Kongo, die vom belgischen König Leopold blutig unterworfen wurde, weil Hergé sie in „Tinchi im Kongo“ mehr karikiert als skizziert, gelingen die „Rothäute“ vergleichsweise gut. Vielmehr kritisiert Hergé die weißen Gangsterbanden, deren Bindung an organisiertes Verbrechen oder organisierten Kapitalismus kaum zu unterscheiden ist: Nach Tims Flucht aus dem Reservat werden die Blackfoot vertrieben, weil auf ihrem Boden Öl gefunden wird.

Während die akademische Literatur in den Comicserien auch Gesellschaftskritik anerkennt, wird sie in den Populärkulturkämpfen immer wieder Opfer der Nullkultur. Vor zehn Jahren boykottierten schwedische Institutionen Tim und Struppi. In Kanada wurde „Tintin in America“ beispielsweise 2015 aus öffentlichen Bibliotheken verbannt und aus dem Programm der Buchhandelskette entfernt.

Opfer einer Bücherverbrennung

Im Jahr 2019 führte eine Schulbehörde in Ontario eine Säuberung ihrer institutionellen Bibliotheken durch und entfernte Tausende von Büchern. 30 wurden sogar in einer sogenannten „Verbrennungszeremonie“ verbrannt, darunter „Tim und Struppi in Amerika“. Die Asche der Bücher wurde dann als Dünger verwendet, um einen Baum zu pflanzen. Der Sprecher der Schulbehörde begrüßte die Verbrennung des Buches als „Geste der Versöhnung mit den First Nations“.

Eingefleischte Fans der Comicserie stört das nicht; noch weniger die Sammler. Vor allem die Originalzeichnungen für die Cover der Bände werden hoch gehandelt. Das französische Auktionshaus Artcurial hält mehrere Auktionsweltrekorde für Werke von Hergé. 2012 wurde die Originalzeichnung für das Cover „Tim in America“ (1932) für 1,3 Millionen Euro verkauft. Vor zwei Jahren versteigerte Artcurial die Farbskizze für „Le Lotus Bleu“ in Paris für 3,1 Millionen Euro.

Hergés Titelbild für Tintin en Amérique

Hergés Cover-Art für Tim und Struppi aus dem Jahr 1942 wird auf 2,2 bis 3,2 Millionen Euro geschätzt

Quelle: © HERGÉ/TINTINIMAGINATIO 2023

Am 10. Februar 2023 kommt das 1942 für eine Neuauflage von „Tintin en Amérique“ entworfene und seither international verwendete Titelmotiv unter den Hammer: Gewürdigt wird das Blatt, das Hergés epochemachende „ligne claire“ eindrucksvoll demonstriert . , aber auch sein schlichtes Weltbild, auf 2,2 bis 3,2 Millionen Euro.

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